Der Osten besitzt immer noch ein erfrischend anderes Eigenleben und pflegt einen eigenen Stil. Ein Paradebeispiel: Die VITA COLA, die seit fast fünf Jahrzehnten zum Land gehört und sich hier dank ihrer Originalität locker gegen die Global Players behauptet. Nicht unwesentlich dabei: Die identitätsstiftende Rolle von Retro-Trends. Diesem Phänomen zollt eine neue-alte VITA COLA-Flasche Respekt,
die alte Erinnerungen weckt und neue Bande knüpft.
Der Körper schlank und griffig in der Taille, der Hals elegant geriffelt: Das neue Gewand der VITA COLA ist eine trendige 1-Liter-Version der geliebten knuddeligen Brauseflaschen früherer Zeiten. Eine retro-trendige Version sozusagen, die einem spezifischen Ostdesign Tribut zollt – und als solche mehr als nur einfach eine Flasche ist. Es ist eine Hommage, die ein wohlig-wärmendes Wiedererkennen auslöst,
wie wenn man einem alten Freund wiedertrifft: Es ist einer der vielen Bausteine,
die den immer noch vorhandenen eigenen Stil des Ostens ausmachen…
Begonnen hatte alles Ende der 1950er: Damals erschien auf den Orderlisten der Kaufhallen ein neuer Durstlöscher sozialistisch korrekt bezeichnet als ominöse „Brauselimonade mit Frucht- und Kräutergeschmack“. Etikettiert wurde er dann aber doch wesentlich appetitlicher als „VITA COLA“. Der Name war Programm: Das Erfrischungsgetränk enthielt Koffein und Vitamin C sowie – und das war neu auf dem Colamarkt – einen Spritzer Zitrone. Genau diese Eigenheit verschaffte der VITA COLA schnell einen Kultstatus: Landesweit rissen sich gut 200 Betriebe um die Abfüllung. Erst 30 Jahre später, mit der Wende, kam der Siegeszug der VITA COLA zum Stillstand: Im ersten Rausch der Westprodukte verschwand sie aus den Regalen, bevor sie Mitte der 90er gemeinsam mit weiteren vertrauten Bekannten wie Leckermäulchen und Zetti Knusperflocken dem Osten seinen eigenen Geschmack zurück gab.
Heute ist ganz Deutschland fest in der Hand des allmächtigen amerikanischen Weltmarktführers. Ganz Deutschland? Nein! Das kleine Ländchen Thüringen behauptet sich als uneinnehmbare Bastion, in der die VITA COLA mit 35 Prozent Marktanteil überaus souverän an der Spitze der Cola-Charts steht. Das liegt sicher auch daran, dass sie seit ihrer Wiederbelebung 1994 hier ihren festen Stammsitz hat: Bei der Thüringer Waldquell Mineralbrunnen GmbH im idyllischen Schmalkalden, wo die braune Brause schon zu DDR-Zeiten abgefüllt wurde. Aber auch im Rest der neuen Bundesländer muss sich VITA COLA nicht verstecken: In der Gesamtwertung hat Coke zwar die Nase vorn, doch Platz zwei hat sich Vita, weit vor Pepsi, locker gesichert: Rund 50 Mio Liter pro Jahr fließen in durstige Kehlen, Tendenz steigend.
Warum der Osten lieber Cola mit Zitronenspritzer trinkt und Kathi Kuchen backt,
hat nichts mit verklärender Ostalgie oder kollektivem Trotz gegen den Westen zu tun. Dahinter steht ein wachsendes Selbstbewusstsein für einen eigenen Lebensstil – gespeist gerade durch die Jugend. Die knüpft ihre Identitätssuche nämlich ganz selbstverständlich-unverkrampft an ihre Herkunft. Ein „Wer bin ich“ ist für sie sehr wohl verbunden mit dem „Woher komme ich“. Und das ist nicht nur ein Ort, sondern eine ganze Lebenswelt. Die umfasst einen individuellen, erfrischend anderen Stil, bewusst gepflegt von den Jungen, geprägt von immer noch ostspezifischen Werten, von sympathischer Bodenständigkeit ohne antiquiert zu sein,
von Gemeinschaftsgefühl und Improvisationsfreude – und geprägt von VITA COLA & Co., die mit ihrem eigenen Geschmack eben nun mal perfekt zu Land und Leuten passen.
Und letztendlich ist es auch einfach ein beruhigendes Gefühl, etwas Vertrautes um sich zu haben, das in einer sich rasant verändernden Welt Beständigkeit vermittelt: Hier ist man zu Haus. Deshalb kann auch eine vermeintlich simple Colaflasche sehr wohl Teil der eigenen Identität, zum eigenen Geschmack, zum eigenen Stil werden. Im Grunde ist es genau dieses Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln, was man so cool „Retro-Trend“ nennt.
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